Stadtspaziergang mit Urban (ität) am 1.11.2030

Gestern habe ich mich mit meinem Freund Urban in Höchst getroffen. Er wohnt im Vordertaunus und war seit Anfang der 90’er nicht mehr in der damals „sterbenden Kreisstadt“, wie er Frankfurt-Höchst nannte. Er kam mit der S-Bahn auf der Regionaltangente West am alten Bahnhof an – und wunderte sich schon beim aussteigen über die gepflegten Unterführungen mit „Kaufhaus-Musik“ und angenehmer Beleuchtung. Ich wartete auf dem Bahnhofsvorplatz am Car-Sharing Parkplatz für Elektro-Mobilität. Der gesamte Bahnhofsplatz mit dem Busbahnhof und dem alten Parkplatz vor der
Deutschen Commerzbank (Ehemals Dresdner-Bank-Filiale) wurde zu einem neuen städtischen Entree mit Grünflächen, Springbrunnen und interessanten Dienstleistungsnutzungen gestaltet. Vom Personal-Trainer über den Senior-Shop bis zum Stadt-Tourismus-Laden und eben der e-Mobilitätszentrale, bei der wir uns Pedalecs mieteten.

Vom Bahnhof geht es die Dalbergstraße entlang mit ihren historischen Fassaden. Diese mittlerweile begehrte Wohn- und Geschäftsadresse lebt von der gepflegten Bruno-Asch-Anlage, in der sich die Mieter gerne auch am Sonntag aufhalten. Die von Höchster Kunstschaffenden mit Installationen und Kunstwerken ausgestattete Anlage verbindet den Bahnhof mit der Königsteiner Straße. Von hier biegen wir im Kreisel in die Königsteiner Straße ein – und müssen absteigen. Denn an diesem Freitagnachmittag hat der
Verkehrsverein zum Herbstfest eingeladen, zu dem auch die Bewohner der Nachbarstadtteile zahlreich kommen. „Auf der Königsteiner habe ich als Junge immer meine Schuhe gekauft und da war’s damals genauso voll“ bemerkt Urban. Zwischenzeitlich hat sich eine Gruppe Jugendlicher vor einem Hologramm-Shop versammelt und schaut sich die 3D-Aufzeichung des letzten 2-Liga-Spiels vom SV Sindlingen auf einem Screen-Pad an. Neben den kleineren und spezialisierten Elektronikgeschäften locken immer mehr „Local-Labels“ auf die Königsteiner. Das sind Designer- und Schneiderläden, die gezielt eigene Kleidung designen und fertigen und hier einen Markt finden. Hier kommt Höchst die multikulturelle und kreative Bevölkerungsstruktur entgegen, die aus der Basis des Zusammenlebens ein Zusammenwirken gemacht hat, die sich auch im Stadtbild wiederspiegelt. Nicht nur Einheimische und Stadtteilnachbarn kommen gerne in die Altstadt.

Mit einer Mischung aus verträumten Wohnhöfen, kleinen Plätzen und abwechslungsreichen Orten treffen wir auch Touristen auf unserem Weg entlang der östlichen Bolongarostraße zum
Bolongaropalast – dem Bürgerzentrum des Stadtteils. Die Bolongarostraße ist Teil der Stadtteilführung „historische Gebäude und Plätze in Höchst – Höchst erleben“ und führt auch über die Höchster Waage (mit Hausbrauerei) zur der Gaststätte in der Alten Mühle hinter der man jetzt die Stadtmauer besteigen und über einen rekonstruierten Wehrgang bis zur Justinuskirche und dem Schloßplatz gehen kann. Hier setzen wir uns zu einem „Gerippten“ und diskutieren über Urbanität, was frei übersetzt städtisches Leben bedeutet – und kommen zu dem Schluß, daß man Urbanität nicht planen aber gemeinsam vorbereiten kann.

Gegen Abend fahren wir über die westliche
Bolongarostraße, die eine Mischfläche geworden ist und Urban entdeckt zwischen den verschiedenen kleinen Läden eine Werkstatt, die DVD’s rekonstruiert (ein Medium, das kaum noch jemand benutzt) und läßt sich die Adresse auf das Handy übermitteln. An dem Platz an dem früher die Süwag –Scheibe gestanden hat, biegen wir in den neuen Stadtpark und erreichen nach kurzer Fahrt durch die Wohnquartiere mit den renovierten Fassaden wieder den Bahnhofsplatz.

Beim Abschied wirkt Urban nachdenklich und fragt mich ob ich Ihn denn überhaupt im Taunus besuchen möchte. Soviel Angebote, interessante Geschäfte und Gebäude und städtisches Leben hat er leider nicht zu bieten. Auf meine Frage, wo er denn wohne, antwortet er etwas leidend: in Kronberg.

Oliver H. Leicht; Architekt (AKH) und Journalist (DFJV), PLANPOOL, für das
Quartiersbüro MANDIE, ein EU-Projekt im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main, Kontakt:


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