Friedliche Koexistenz der Gegensätze
Für mich steht Höchst ganz exemplarisch für viele Stadtrandgebiete und Kleinstädte. Es ist ein Umbruch im Gange, der viele Lebensbereiche umfasst und sich auch im Erscheinungsbild der Stadt ausdrückt. Jede schleichende Veränderung zum scheinbar Schlechten bringt Ängste mit sich, liebgewonnene Gewohnheiten wie ein Einkaufsbummel bei HERTIE müssen plötzlich aufgegeben werden, dafür hat man eine Riesenauswahl an Handyläden, und außerdem entsteht ein neues Einkaufszentrum, das bis zum Jahr 2030 sicherlich so einige Veränderung mitgemacht haben wird.

Ich erinnere mich daran, dass ich einmal gerade darüber sinnierte, dass Höchst doch eigentlich ziemlich schön sei. Just in diesem Moment spuckte direkt neben mir jemand auf die Straße. Ich relativierte meinen Gedanken dahingehend, dass ich feststellte: Höchst ist auf jeden Fall sehr lebendig! Höchst ist ehrlich und tippt einem dann auf die Schulter, wenn man gerade etwas zu viel ins Schwärmen gerät.

Meine Bilder - Fotografien kleiner Welten, die ich zunächst als Miniaturmodelle baue und dann in meinem Studio in der Bolongarostraße ablichte - haben mit Höchst erst einmal nichts zu tun. Da ist kein Bauwerk sichtbar, das es hier gibt. Und doch hat mich der Stadtteil seit ich hier 2000 hierhergezogen bin, beeinflusst. Die Harmonie wird des öfteren gebrochen, und das scheinbar Hässliche wird beim näheren Hinsehen doch interessant. Und über allem ist die Gewissheit, dass das Leben nicht sicher ist. Als ich im vorletzten Sommer bei geöffnetem Fenster mal wieder abends vor dem Fernseher eingeschlafen war, weckte mich der Anruf meines Nachbarn, der rief, ich solle schnell das Fenster schließen. Tatsächlich: Ein beißender Geruch drang durch die Höchster Altstadt direkt zu mir in die Bude, und ich hatte wirklich Angst, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Ein von der Pressestelle des Industrieparks als "für die menschliche Gesundheit unbedenklich" eingestufter Unfall hatte zumindest mal wieder gezeigt, dass die idyllische Altstadt einen Nachbarn hat, der ihr zwar volle Gastwirtschaften aber auch schlechte Luft beschert.

Doch vielleicht steckt in der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz der Gegensätze auch die Möglichkeit, Alt und Neu, Schön und Hässlich, Sicherheit und Gefahr als eine Einheit zu betrachten. Daraus können ja vielleicht auch ganz neue Chancen entstehen. Und wenn dann im Jahr 2030 eine Dönerbude mit Porzellan der hiesigen Porzellanmanufaktur mit integriertem Handyladen in Zusammenarbeit mit der Höchster Altstadtvereinigung in der Justinuskirche seine Hauptniederlassung eröffnet hat, dann wird Höchst möglicherweise DER angesagte Stadtteil Frankfurts sein.

Frank Kunert, Künstler

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